Artikel aus dem Darmstädter Echo vom 27. November

 

Zukunftsweisend: Hochbau mit Abbruchmaterial
Büttelborner Recycling-Anlage liefert Stoffe für Bau von Bürogebäude - Forschungsprojekt der TU Darmstadt

 

Noch ragen erst wenige Betonpfeiler zwischen dem Gerüst in die Höhe, einige Betondecken und -wände sind bereits eingezogen. Auf dem ehemaligen Darmstädter Schlachthofgelände, derzeit Großbaustelle, entsteht auch ein langgezogenes, schmales Parkhaus; davor sind drei Bürogebäude, späterer Sitz des Bauträgers Bauverein, angegliedert. Keine ungewöhnlichen Bauten, dennoch geschieht dort etwas, das derzeit in der Bundesrepublik einmalig ist: Sie werden aus Beton gebaut, dessen Zuschlagstoffe ausschließlich Recyclingmaterialien sind.

Dieses Material liefert eine Bauschutt-Recyclinganlage, die von der Firma "BKS Baustoffaufbereitung" auf dem Gelände der Kreismülldeponie in Büttelborn betrieben wird. Rund 200 000 Tonnen mineralischer Bauschutt aus dem Kreis Groß-Gerau und den Städten Frankfurt und Darmstadt wird jährlich dort angeliefert. Modernste Technik ermöglicht auch eine Naßaufbereitung. Durch mechanische Reibung bei den Waschprozessen lösen sich Ton und Lehm vom Gestein. Dadurch können qualitativ hochwertige Materialien gewonnen werden. Ein sogenannter Sand-Aquamator ermöglicht durch rein physikalische Vorgänge die Gewinnung von feinem Sand mit einem Korndurchmesser von bis zu zwei Millimetern.
,,Ich kenne keine zweite Anlage in Deutschland, die so arbeitet", sagt BKS-Geschäftsführer Richard Kwiasowski nicht ohne Stolz. Ziel der BKS ist es schon länger, diesen hochwertigen Sand nicht nur im Straßenbau, sondern auch als Beton Zuschlagstoff für den Einsatz im Hochbau zu verkaufen. Die Sache hat nur einen Haken: Bisher gibt es seitens des Gesetzgebers keine allgemeine Zulassung für diese Stoffe, die notwendigen DIN-Vorschriften fehlen.
In Zusammenarbeit mit der TH Aachen hatte das Unternehmen bereits vor zwei Jahren ein Genehmigungsverfahren beim zuständigen Institut für Bautechnik in Berlin in Gang gebracht.
Den Durchbruch soll nun das bundesweite Forschungsprojekt ,,Baustoffkreislauf im Massivbau" bringen, in das der Bau des Park- und Bürogebäudes in Darmstadt eingebunden ist. Die wissenschaftliche Begleitung hat das Massivbauinstitut der Technischen Universität Darmstadt unter Leitung von Professor Peter Grübl.

Betonzuschlag aus Abbruchmaterial weist andere Eigenschaften auf als natürlicher Zuschlag, daher darf er derzeit wegen der unbekannten Risiken noch nicht allgemein für tragende Baukonstruktionen verwendet werden, erläutert Grübl im Gespräch mit dieser Zeitung.
Das Forschungsvorhaben mit einem Gesamtvolumen von rund zwölf Millionen Mark wird vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Technik und Forschung, aber auch von der Industrie gefördert. Ein erheblicher Anteil am Abfallaufkommen stammt aus dem Baubereich (1993 waren es 42 Prozent von 337 Millionen Tonnen gesamtdeutschem Müll).
Mit dem Inkrafttreten des Kreislaufwirtschaftssystems habe sich daher die Bauindustrie die Selbstverpflichtung auferlegt, bis zum Jahr 2005 die Hälfte der gesamten Baustoffabfälle wiederzuverwerten, so der Massivbau-Professor. Die immer knapper werdenden natürlichen Ressourcen an Kies und Sand sollen damit geschont und der Deponiebedarf reduziert werden. Das Baustoftkreislauf-Forschungsprojekt bezeichnet Grübl als ,,anwendungsorientierte Grundlagenforschung". Der Professor:
,,Aus dem Elfenbeinturm der reinen Universitätsforschung sind wir schon lange raus. Wir müssen hautnah mit der Industrie zusammenarbeiten, und da brauchen wir schnell Ergebnisse."
Das Projekt wurde im Mai vergangenen Jahres begonnen und hat eine Laufzeit von drei Jahren. Das Konzept der wissenschaftlich-technischen Begleitung beginnt bei der Planung des Abbruchs von Gebäuden (umweltfreundlich, materialschonend, Sortentrennung) und umfaßt die Aufbereitung der Stoffe sowie als wesentlichen Teil die Erprobung und Bemessung der Materialeigenschaften wie beispielsweise Wassersaugvermögen, Bruchverhalten und Elastizität.

Schwerpunkt des Projektes ist dann die praktische Umsetzung bei der Erstellung des Bauverein-Bürokomplexes im sogenannten Bürgerparkviertel in Darmstadt. Hierzu verfügt das Institut über eine eigene Betonieranlage, die bei einem Bauunternehmen in Arheilgen installiert ist, und in der Wasser und Zement mit den Zuschlagstoffen aus der Büttelborner Recyclinganlage vermischt werden. Nicht zuletzt soll auch die Wirtschaftlichkeit der Wiederverwendung von Abbruchmaterial unter die Lupe genommen werden.
Grübl: "Recycling-Zuschlagstoff darf kein Secondhand-Baustoff sein. Ziel unserer Forschung ist es daher, allgemeine Richtlinien zu erarbeiten, die es erlauben, Recycling-Zuschlagstoffe von hoher Qualität so zu verwenden,wie natürlichen Zuschlag."
Das (TU-Institut)
Institut für Werkstoffe im Bauwesen der Uni Stuttgart hat zu dem Forschungsprojekt auch eine Internetadresse eingerichtet. Informationen gibt es unter http://www.B-i-M.de.

 

Mit modernster Technik werden in der Bauschutt-Recyclinganlage auf dem Gelände der Kreismülldeponie in Büttelborn pro Jahr rund 200 000 Tonnen Abbruchmaterial zur Wiederverwertung aufbereitet. Hochwertige Beton-Zuschlagstoffe aus dieser Anlage werden nun auch im Hochbau verwendet.

 

Pilotprojekt: Beim Bau dieses Park- und Bürogebäudes, dem zukünftigen Sitz des Bauvereins im sog. Bürgerparkviertel in Darmstadt, werden für die Betonmischung bundesweit erstmals Recyclingzuschlagstoffe verwendet.