Zeitungsartikel aus der Frankfurter Rundschau vom 13/03/98
Die Forscher
sind alles andere
als Betonköpfe
In Darmstadt
entsteht erstmals ein Gebäude aus purem
Recycling-Beton / TU leitet die Begleitforschung
Von Jörg Feuck
Es kommt darauf an, was man daraus macht - in Darmstadt nimmt man den Werbespruch der Betonindustrie ernst: Im Bürgerparkviertel wird das bundesweit erste Bürogebäude nur mit Recycling-Beton gebaut. Die TU Darmstadt leitet die Begleitforschung.
DARMSTADT. Vor dem Institut für Massivbau der TU Darmstadt sieht es aus wie auf einem Bauhof -Haufen mit Sand und Kies, Bretterstapel, in Würfel gegossene Betonblocks. In der Werkstatt wird gespannt und gezogen, was das Zeug hält:
Die Industrie läßt hier testen, wie belastbar etwa ihre Dübel und Treppenstufen sind, wieviel Druck das Material aushält, welches Maß an Verformung noch tolerabel ist. Eine Etage höher bereitet Peter Grübl Professor für Baustoffe und Bau-physik, den "Umbruch" der Baubranche vor: Wie können die beim Abriß von Gebäuden anfallenden mineralischen Bauabfälle (bundesweit 30 Millionen Tonnen pro Jahr) möglichst vollständig für Neubauten wiederverwendet werden? Wann wird das technisch Machbare und umweltpolitisch Notwendige auch rentabel? Und wie lautet die Rezeptur, damit aufbereiterer Altbeton eine gleich hohe Qualität wie das Urgemisch aus Sand. Kies, Steinkohleflugasche, Zement und Wasser hat?
So lauten die zentralen Fragen des Forschungsprojekts "Baustoffkreislauf im Massivbau". An der Lösung des Problems sitzen der Deutsche Ausschuß für Stahlbeton, Institute von elf Universitäten zwischen Aachen und Dresden. Kiel und München, Stuttgart und Weimar sowie zehn Konzerne und mittlere Unternehmen der Baubranche. Grübl ist Koordinator des vom Bundesforschungsministerium und der Industrie mit 12 Millionen Mark bezuschußten Projekts.
Die Arbeitsergebnisse werden in allgemeinverbindliche Zulassungs-Richtlinien und Sicherheitsnormen für die Verwendung von aufbereitetem Betonsplitt und Betonbrechsand münden. "Wir können kein Interesse an zweitklassigen Secondhand-Baustoffen haben", stellt Grübl klar.
Soviel steht fest: Wiederverwendbarer Beton hat andere Verformungs- und Abriebeigenschaften. Und weil er mehr Wasser aufsaugt, kommt er zu zäh auf der Baustelle an und braucht zusätzlich "Fließmittel". In Testreihen wurden unterschiedliche Mixturen geprüft, ging es um Stauchung, Druck- und Zugfestigkeit, Schwind- und Kriechverhalten. Fazit: Darmstädter Recycling-Beton entspricht den geltenden Qualitäts-Standards.
Am "Demonstrations"-Gebäude im Bürgerparkviertel ist gerade Richtfest gefeiert worden: Das Darmstädter Unternehmen Bauverein AG läßt am Vilbeler Weg
ein Bürogebäude mit 1500 Quadratmeter Nutzfläche und 8400 Kubikmeter umbautem Raum hochziehen. Wände, Stützen und Decken sind komplett aus aufbereitetem Altbeton. Ein Novum in Deutschland. 560 Kubikmeter des grauen Breis wurden auf der Baustelle bis zu 40 Meter hochgepumpt. Die Baukolonne bemerkte beim Verteilen und Glattstreichen keinen Unterschied zum herkömmlichen Material. Grübl und sein Wissenschaftler-Team nahmen das mit Genugtuung zur Kenntnis.
Der Gesetzgeber hat wegen unwägbarer Sicherheitsrisiken bisher nur im Einzelfall die Konstruktion von Mauerwerk aus "Resteverwertung" zugelassen. Die notwendige bauaufsichtliche Zustimmung frißt Zeit und Kosten. Genauso umständlich ist die mögliche Alternative. ein "Prüfzeichen" für den verwendeten Betonzuschlag aus Altmaterial zu erlangen. Deshalb wurden bisher bundesweit nur zwei herausragende Bauten mit Anteilen von Recycling-Beton hergestellt: Im Neuhau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück stecken sie in der Innenenkonstruktion: und ein Gebäude des Wohnparks in Klosterfort wurde aus aufbereitetem Beton hochgezogen, der ausschließlich aus dem Abriß der Kaserne "Langer Peter" in Itzehoe stammte.
Die Herkunft des Ausgangsmaterials in Darmstadt hingegen läßt sich nicht mehr so exakt bestimmen - es wurde von der Bauschutt-Recyclinganlage auf dem Gelände der Kreismülldeponie Büttelborn (Kreis Groß-Gerau) angeliefert. 200 000 Tonnen mineralischer Bauschutt aus dem Rhein-Main-Gebiet werden hier jedes Jahr abgeladen und so verlesen, gebrochen, gewaschen und gesiebt, daß hochwertiges Material für den Straßen- und Landschaftsbau entsteht.
Die Darmstädter Wissenschaftler sind mit dem autbereiteten Recycling-Sand und Betonsplitt verschiedener Korngröße sehr zufrieden. Nur: So aufwendig geht es nicht in allen Anlagen zu. Um dem Baustoff-Recycling zum Durchbruch zu verhelfen, muß deshalb auch der Gebäudeabbruch auf "moderne und umweltfreundliche Rockbaumethoden umgestellt werden", sagt Peter Grübl. Denn was allein die Abrißbirne weghaut, ist Abfall, ein minderwertiges Schurtgemisch aus Mauerwerk, Putz, Mörtel, Betonbrocken, Ziegeln und Metallen. Künftig, so Grübl müssen die Häuser Stockwerk für Stockwerk sauber "entkernt" werden. Kunststoff-Fensterrahmen und Rohre, Bodenbeläge und Glas, unbehandeltes Holz und Gipskartonplatten lassen sich ausbauen und trennen; Tondachziegel werden für die Neuproduktion fein zermahlt.
An den Abbruchtechniken wird derzeit gefeiIt: Zerschneiden mit Laser und Hochdruckwasserstrahl, Zerlegen mit Mikrowellentechnik, punktuelles Sprengen - alles mit möglichst wenig Lärm, Staub und Erschütterungen.
Unterm Strich dreht es sich bei dem Forschungsprojekt auch um die Wirtschaftlichkeit des Recycling-Kreislaufs. Professor Grübl ist sich sicher, diesen Nachweis liefern zu können. "Es geht doch auch darum, Bodenressourcen wie Sand und Kies sowie Deponieraum für Bauschutt zu sparen".