Artikel aus dem Darnstädter Echo vom 7. Dezember 1998


Frischer Beton - direkt aus der Deponie

Hundertwasserhaus aus rezykliertem Material: TU-Gruppe entwickelt Recyclingverfahren

Von Annette Wannemacher

 

Ab fünf Uhr ist auf der Baustelle des Hundertwasserhauses im Bürgerparkviertel Betrieb. Scheinwerfer strahlen die große Baugrube an, in denen sich Arbeiter und Maschinen bewegen. Die Handgriffe der Bauarbeiter sitzen: Sie wissen, es muß flott gehen, vor allem dann, wenn betoniert wird. Denn Beton muß schnell verarbeitet werden, sonst wird er fest.
Der Beton für die Waldspirale - so wird das Hundertwasserhaus wegen seiner Form auch genannt - ist eine Besonderheit. Neben Wasser und Zement ist er aus rezykliertem Zuschlag gemacht. Das heißt, der Zuschlag wurde aus Betonbruch hergestellt und kommt weder aus einer Kiesgrube, noch aus dem Rhein oder einem Steinbruch. Zement wiederum ist genormt und kommt aus einem Zementwerk, das für die Festigkeit des Baustoffes verantwortlich ist.
Die Verfahren, aus tonnenschwerem Abbruchmaterial und Schutt wiederverwertbares Baumaterial anzufertigen, hat eine Projektgruppe an der Technischen Universität Darmstadt in Zusammenarbeit mit Forschern anderer Hochschulen entwickelt. Professor Peter Grübl vom Institut für Massivbau betreut das auf drei Jahre angelegte, zehn Millionen Mark teure Forschungsvorhaben, das zur Hälfte von der Industrie finanziert wird.
Das neue Abfallgesetz besagt, das Vermeiden von Abfall stehe vor Verwerten und Beseitigen, so Grübl. "Es gibt natürlich Sonderabfälle, die man nicht verwerten kann", sagt er. Bei Beton sehe das aber anders aus.
Wird ein Haus abgerissen, gibt es zwei Möglichkeiten: Der Bauschutt kommt auf eine Deponie oder in eine Aufbereitungsanlage. Dort wird entschieden, ob sich die Aufbereitung rechnet. Das hängt davon ab, ob das angelieferte Material so bearbeitet werden kann, daß es die gleichen Anforderungen erfüllt wie neu hergestellter Beton. Der Kunde muß wissen, daß die Qualitätsmerkmale identisch sind - "und daß die Kosten für Beton aus rezykliertem Zuschlag etwa so hoch sind wie die aus natürlichem Zuschlag", so der TU-Professor.
Während man beim Hundertwasserhaus stolz darauf ist, mit rezyklierten Stoffen zu arbeiten, kann man bei einer Großbaustelle wie in der neuen Bundeshauptstadt Berlin nicht auf natürliche Quellen verzichten, weiß Peter Grübl. Denn dort werden in kürzester Zeit riesige Mengen Beton gebraucht. "Und Beton muß nun mal je nach Bestellung frisch angefertigt werden - wie frische Brötchen."

In der direkten Nachbarschaft der Waldspirale haben die Bauingenieure der Technischen Universität bereits ein Objekt aus rezykliertem Beton gebaut: Ein Bürotrakt des Architekten Rüdiger Kramm, in dem auch der Chef des Bauvereins und der Bauherr des Hundertwasserhauses ihre Büros haben. Wolfgang Rösch fördert den Einsatz alternativer Materialien. Beton aus rezykliertem Material sei nicht kostengünstiger als herkömmlicher Beton, sagt er. "Doch wenn man Bauschuttdeponien entlasten und das Material aufbereiten kann, sollte man das tun."

Wie sich das alternative Baumaterial auf Dauer bewährt, wird nun in dem Bürotrakt am Vilbeler Weg getestet. Denn direkt gegenüber entstand ein Pendant aus herkömmlichem Beton. "Zwillingsforschung" nennt Grübl das. "Wir sind sicher, daß der Beton sich so verhält, wie wir es berechnet haben."
Das hoffen nicht nur die Mitarbeiter der TU-Forschungsgruppe, sondern auch die zukünfigen Bewohner der Waldspirale, für die insgesamt rund 12000 Kubikmeter des alternativen Betons verbaut wird.

Öko-Baustelle. Das Hundertwasserhaus wird mit rezykliertem Beton gebaut