Entscheidende Ergebnisse des dreijährigen Forschungsvorhabens "Baustoffkreislauf im Massivbau" wurden am 27. und 28. Mai im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) in Berlin während einer Fachtagung vorgestellt. Initiiert wurde dieses Verbundforschungsvorhaben vom Deutschen Ausschuß für Stahlbeton (DAfStb) mit dem Ziel, die Verwendung von Abbruchmaterial zur Herstellung von Beton für tragende Konstruktionen (nach DIN 1045) allgemein zu regeln.
Der Druck auf der einen Seite, mineralisches Abbruchmaterial verstärkt wieder zu verwerten und die Unsicherheit auf der anderen Seite, die aus technischer Sicht dem allgemeinen Einsatz solcher Stoffe noch entgegensteht, veranlaßte den DAfStb, dieses Forschungsvorhaben zu initiieren. Mit grundlagenorientierten und anwendungsbezogenen Forschungsarbeiten sollte abgeklärt werden, ob und unter welchen Bedingungen die beim Abbruch von Bauwerken anfallenden mineralischen Baurestmassen möglichst vollständig beim Erstellen von Neubauten wiederverwertet werden können. Die Aufwendungen für das Gesamtprojekt betragen ca. 12 Millionen Mark. Sie wurden zur Hälfte aus Industriemitteln bereitgestellt, d.h. von der Bau- und der Baustoffindustrie, der Bauwirtschaft und von Verbänden, sowie dem DAfStb und dem Verein Deutscher Zementwerke (VDZ). Das hohe Engagement der Industrie trug wesentlich dazu bei, daß die andere Hälfte der notwendigen Finanzmittel vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) gefördert wurde. Ministerialrat Dipl-Ing. Helmut Schulz hob in seinem Grußwort die Bedeutung der Bauforschung hervor, die vom BMBF u.a. mit der Bildung eines eigenständigen Referates Verkehrstechnologien, Bauen und Wohnen noch effizienter unterstützt werden soll.
Themen
und Ergebnisse
Als Projektkoordinator
begrüßte Prof. Dr.-lng. Peter Grübl von der Technischen Universität
Darmstadt mehr als 120 Tagungsteilnehmer. In seinem Einführungsvortrag
erläuterte er Anlaß, Inhalt, Rahmenbedingungen und Stand der Forschungsarbeiten.
Sämtliche Phasen im Stoffkreislauf sind Gegenstand dieses Vorhabens, das
sich in acht Themenbereiche gliedert. Insgesamt sind 20 Institutionen aus Forschung
und Industrie mit 43 Einzelprojekten betraut. Die Ergebnisse wurden thematisch
zusammengefaßt und von Generalberichterstattern vorgetragen.
Über fortschrittliche
Methoden zur Bewertung und zum Rückbau von Konstruktionen berichtete Dipl-Ing.
Lutz Gerlach vom Institut für Massivbau und Baustofftechnologie der Uni
Karlsruhe. Entwickelt wurden u.a. ein Leitfaden mit Checkliste für die
Planung von Gebäudeabbrüchen und ein Schnellprüfverfahren zur
Beurteilung von Kontaminationen in der Bausubstanz vor dem Abbruch. Moderne
Abbruchverfahren mittels Laser- oder Mikrowellentechnik, elektromechanischer
oder -dynamischer Fragmentation wurden eingehend untersucht, bewertet und den
konventionellen Verfahren gegenübergestellt. Um eine detailierte Kosten-Nutzen-Betrachtung
der anfallenden Abbruchmaterialien darzustellen, sind weitergehende Untersuchungen
vor allem hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit des Geräteeinsatzes durchzuführen.
Die umfangreichen Forschungsarbeiten zum Bereich "Industrielle Aufbereitung
von Abbruchmassen als Zuschlag für Beton" wurden von Dr. Ing. Guntram
Kohler, remex Baustoffrecycling AG Duisburg, zusammenfassend vorgetragen. Der
Referent erläuterte das Multikontrollsystem für RC-Baustoffe. Er stellte
auch ein in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Karlsruhe neu entwickeltes
Meßgerät vor, das die sofortige Schadstofferkennung der im Recyclingbetrieb
angelieferten Baustoffe ermöglicht. Mit dieser Fortentwicklung der Sensortechnik
läßt sich die gesicherte Selektion geeigneten schadstoffarmen Bauschutts
aus dem Rückbau und der Annahme im Aufbereitungsbetrieb verbessern.
Die Ergebnisse vielfältiger Prüfungen an aufbereiteten Abbruchmaterialien
als Zuschlag für die Betonherstellung und der Einfluß aufbereiteter
Abbruchmassen auf die Frisch- und Festbetoneigenschaften wurden von Prof. Dr.-lng.
Peter Grübl und Dipl-Ing. Marcus Rühl von der TU Darmstadt im dritten
Generalbericht dargestellt. Dipl.-lng. Andrew Nealen, verwies in seinem Vortrag
auf die Anwendung dieser Laborergebnisse beim Mischungsentwurf und in der industriellen
Betonherstellung.
Demonstrationsbauvorhaben
Begleitend zu
den Forschungsarbeiten wurde die Produktion und Anwendung von Beton mit rezykliertem
Zuschlag an Demonstrationsbauvorhaben erfolgreich
erprobt. Der Beton für die beiden Objekte in Darmstadt wurde nach unterschiedlichen
Methoden hergestellt, die jeweils praktikabel waren, aber jeweils Vor- und Nachteile
im Produktionsprozeß aufwiesen. Das Pilotprojekt des Forschungsvorhabens
war der Bau eines neuen Firmensitzes der Bauverein AG in Darmstadt. Während
der Bauzeit von November 1997 bis Februar 1998 wurden insgesamt 461 Kubikmeter
Beton der Festigkeitsklasse B 35 für dieses Bauwerk hergestellt und nach
Einzelfallzustimmung eingebaut. Hierbei kam das Verfahren mit konstanter Wasserzugabe
zum Einsatz. Verwendet wurde der RC-Beton (auch Rebeton) für Innenbauteile,
wie Stützen, Wände und Decken, sowie für Sichtbeton. Zu diesem
Gebäude entstand parallel ein weiteres von gleicher Größe und
Art in Normalbeton. Damit besteht für Langzeituntersuchungen eine gute
Vergleichbarkeit der spiegelgleichen Bauten über die Jahre hinweg. Obwohl
die Konstantwassermethode zu guten Ergebnissen führte, ist dennoch das
Verfahren mit konstanter Frischbetonkonsistenz vorzuziehen, da mit dieser Methode
die Betonherstellung zielsicherer abläuft.
Die konsistenzgesteuerte
Betonherstellung wird beim zweiten Demonstrationsobjekt eingesetzt, dem Bau
der "Waldspirale" im entstehenden Bürgerparkviertel in Darmstadt.
Seit Baubeginn Anfang November 1998 werden hier im wesentlichen zwei verschiedene
Betonsorten eingesetzt, von denen eine ausschließlich für die bis
zu 1,20 m dicke Bodenplatte und die andere Sorte für alle anderen tragenden
vertikalen Bauteile verwendet werden. Insgesamt werden etwa 12000 Kubikmeter
Beton für das Bauvorhaben benötigt. Hergestellt wird der Baustoff
übrigens erstmals nach der neuen Richtlinie "Beton mit rezykliertem
Zuschlag". Dabei zeigte sich, daß ein Beton mit rezykliertem Zuschlag
problemlos ohne teure und fehleranfällige Feuchtemessung produziert werden
kann, vorausgesetzt, der rezyklierte Zuschlag wird vorgenäßt.

Die Modellansicht der Wohnanlage Waldspirale zeigt unverkennbar den Einfluß Friedensreich Hundertwassers, den die Bauverein AG für ihr Vorhaben gewinnen konnte. Für ihn sind die Fassaden, die keinem Raster folgen, "ein Gleichnis zu den Schichtenlinien der Erde, zu den Sedimenten, die sich seit Jahrmillionen gebildet haben." (Foto: Markus Schmidt)
Weitere
Themenbereiche
Betonversuche
zum Mehrfachrecycling und Untersuchungen an Betonwaren sind ebenfalls Inhalt
des dritten Generalberichtes. Dipl.-lng. Christoph Müller faßte die
Ergebnisse zusammen.
Die verschiedenen
"Aspekte der Dauerhaftigkeit bei Beton mit rezykliertem Zuschlag"
stellten Dr.-lng. Eberhard Siebel und Dipl.-lng. Beatrix Kerkhoff vom Forschungsinstitut
der Zementindustrie Düsseldorf sowie Prof. Dr.-Ing. Rosemarie Haase und
Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Aue von der Materialprüfanstalt Eckernförde
vor. Sie konnten daraus u.a. einige Hinweise für die Praxis ableiten, z.B.
wie hoch der Anteil des rezyklierten Zuschlags sein sollte, um die Dauerhaftigkeit
von Beton sicherzustellen.
Daß die normengemäße
Bemessung von Beton mit rezykliertem Zuschlag möglich ist, bestätigten
Prof. Dr.-lng. Konrad Zilch und Dipl.-lng. Frank Roos von der TU München.
Einschränkend wurde jedoch darauf hingewiesen, daß der Anteil der
rezyklierten Zuschläge zu begrenzen, und die Bemessung nach einer neu erarbeiteten
Richtlinie vorzunehmen ist. Projektergebnisse zum Bauteilverhalten, zur Tragfähigkeit
und dem Verformungsverhalten, trug Prof. Dr.-lng. Friedhelm Stangenberg von
der Ruhr-Universität Bochum vor.
Infosystem
"BiM-Online"
Die zentrale
Wissensspeicherung der Forschungsergebnisse wird durch das internetbasierende
Informationssystem "BiM-Online" möglich, das Prof. Dr.-lng. Hans-Wolf
Reinhardt von der Universität Stuttgart vorstellte. Seine Kollegen, Dr.-lng.
Joachim Schwarte und Dipl.-lng. Marcus Schreyer, erläuterten die Konzeption
und die Realisierung dieses innovativen Systems, welches parallel zu der auf
Einzeldokumenten der Forscher aufgebauten Website ein relationales Datenbanksystem
enthält. Neben einer Datenbank für Werkstoffdaten aus 540 Materialprüfungen
wurde ein Fachlexikon entwickelt, welches z.Z. über 250 Fachbegriffe sowie
Verfahren aus den Bereichen Gebäudeabbruch, Bauschuttaufbereitung und der
Betontechnologie enthält. Anwendern in der Baupraxis bietet dieses System
als Hilfsmittel für die berufliche Weiterbildung den schnellen Zugriff
auf neueste Forschungsergebnisse, die dann beschleunigt in der Praxis Anwendung
finden sollen.
Vorläufige
neue Richtlinie
Der angestrebte
Nachweis der Verwendbarkeit von aufbereiteten Abbruchmassen als Zuschlag für
Beton im standsicherheitsrelevanten Bereich ist erbracht. Hierzu wurde eine
neue DafStb-Richtlinie "Beton mit rezykliertem Zuschlag" erarbeitet,
die Prof. Grübl in seinem abschließenden Vortrag vorstellte. Ihr
Inhalt wird auch in die überarbeitete Fassung der Zuschlagnorm DIN 4226
übernommen werden.
Fazit: In der Richtlinie werden Bedingungen und Einschränkungen für
RC-Beton genannt, die jedoch nur für Bauteile im standsicherheitsrelevanten
Bereich gelten. Für RC-Beton in darunter liegenden Bereichen gibt es keine
Eingrenzungen. In den jeweils anschließenden Diskussionen waren sich alle
Teilnehmer darüber einig, daß verschiedene Teilprojekte weitergeführt
werden müssen, um die Ergebnisse zu untermauern und schließlich praxisrelevante
Anwendungen zu ermöglichen. Mit Hinweisen auf die nächsten Veranstaltungen
(z.B. auf das Forschungskolloquium am 7. und 8. Oktober in Weimar) und auf den
bevorstehenden Umzug des DAfStb-Büros innerhalb von Berlin beendete Dr-Ing.
Norbert Bunke die Fachtagung (DAfStb-e-Mail: dafstb@t-online.de).
Alle Tagungsbeiträge
sowie die Ergebnisse der Einzelprojekte werden innerhalb der Schriftenreihe
des DAfStb im Beuth Verlag veröffentlicht. Die gesammelten Daten einschließlich
sämtlicher Forschungsergebnisse aller Teilprojekte zum Vorhaben "Baustoffkreislauf
im Massivbau" sind online dokumentiert und können im Internet unter
www.b-i-m.de abgerufen werden.